Abtreibung - Schwangerschaftsabbruch: Für das Recht auf einen freien Entscheid

Medikamentöse Methode des Schwangerschaftsabbruchs

Schweiz: Mifegyne seit 4 Jahren im Gebrauch (Ende 2003)

Seit dem 1. November 1999 ist Mifegyne in der Schweiz im Vertrieb. In Kombination mit einer geringen Dosis Prostaglandin erlaubt das Medikament innerhalb der ersten 49 Tage seit der letzten Periode einen Schwangerschaftsabbruch ohne operativen Eingriff. 2003 wurden schätzungsweise über 40% aller Schwangerschaftsabbrüche mit dieser medikamentösen Methode durchgeführt. Tendenz steigend, allerdings mit grossen regionalen Unterschieden. Die Erfahrung zeigt, dass Frauen diese Alternative schätzen. Der grösste Vorteil: Der Abbruch ist sehr frühzeitig möglich.

10 Jahre lang hatte sich die Schweizerische Vereinigung für Straflosigkeit des Schwangerschaftsabbruchs (SVSS) für die Einführung von Mifegyne (RU 486) in der Schweiz eingesetzt und bei der französischen Herstellerfirma sowie den politischen Instanzen dafür lobbyiert. Im Juli 1999 fällte die IKS (Interkantonale Kontrollstelle für Heilmittel / Swissmedic) den Zulassungsentscheid. Nachdem letzte Versuche der Abtreibungsgegner, diesen Entscheid auf dem Rechtsweg anzufechten, gescheitert waren, konnte die eigens gegründete Firma COSAN GmbH am 1. November 1999 den Vertrieb von Mifegyne in der Schweiz endlich aufnehmen.

Positive Erfahrungen

Wie auf Grund der Erfahrungen im Ausland zu erwarten war, wird die medikamentöse Alternative zum chirurgischen Schwangerschaftsabbruch auch von den Frauen in der Schweiz geschätzt.

An verschiedenen Schweizer Kliniken wurden die Patientinnen zu ihrem Erleben befragt. Die Studien zeigen übereinstimmend, dass - je nach Studie - zwischen 70 und 90% der Frauen, die diese Methode wählen, mit ihrer Wahl zufrieden sind und die Methode weiter empfehlen würden.

Interessante Angaben dazu machte der österreichische Arzt, Dr. Christian Fiala vom Gynmed Ambulatorium in Wien, an einem Symposium vom 31. Mai 2001 in Bern. Er berichtete über Erfahrungen mit rund 1’000 Schwangerschaftsabbrüchen mit Mifegyne. 70% davon wurden so früh durchgeführt, dass im Ultraschall noch keine embryonale Herzaktivität dargestellt werden konnte. Nach seiner Erfahrung bedeutet dies sowie die Wahrnehmung, wie winzig klein in diesem Stadium die Frucht ist, für die Frauen - im Gegensatz zu ihren oft wirklichkeitsfernen Phantasien - eine dramatische Erleichterung.

Der wesentliche Vorteil der medikamentösen Methode ist denn auch nach dem Empfinden der Frauen, dass der Abbruch so früh durchgeführt werden kann, in einem Stadium, wo die Absaugmethode kaum angewendet wird. Es wird ihnen somit eine psychisch und auch körperlich belastende Wartezeit erspart. Als weiteren Vorteil nennen die Frauen, dass keine Narkose und kein invasiver Eingriff notwendig ist sowie die grössere Selbstverantwortung. Entgegen gewissen Befürchtungen fühlen sich die Frauen nicht unter Zeitdruck.

Als Nachteile werden die von den meisten Frauen verspürten - allerdings meist leichten und kurz andauernden - Schmerzen und die im Vergleich mit dem operativen Eingriff längere Dauer des Abbruchs und der Blutungen genannt.

Grosse Unterschiede in der Anwendungshäufigkeit

Die Gesamtzahl der Abbrüche war in der Schweiz seit über 10 Jahren mehr oder weniger stabil bei etwa 11-13'000 pro Jahr (um die 10'000 seit 2006), aber es kommt immer öfter die medikamentöse Methode zur Anwendung. 2003 betrug der Anteil der Mifegyne-Abbrüche im gesamtschweizerischen Mittel über 40 Prozent (70% im Jahr 2015).

Die Verkaufszahlen für Mifegyne zeigen eine steigende Tendenz: Wurden im Jahr 2000 2’550 Packungen verkauft, so stieg die Zahl 2001 auf 3’280 und 2003 auf 5’600.

Dieselbe Tendenz zeigt sich in kantonalen und Spitalstatistiken. Auffallend sind dabei die grossen Unterschiede zwischen einzelnen Kantonen und Spitälern. Während im Kanton Basel-Stadt im Jahr 2003 nahezu 60% der Abbrüche mit Mifegyne gemacht wurden, waren es im Kanton Waadt 25,4%. Auch bei den einzelnen Spitälern variiert der Anteil der medikamentösen Methode. Das Verhalten der Frauen ist ebenfalls unterschiedlich: Entschieden sich am Basler Universitätsspital ca. 90% der Frauen, die frühzeitig genug einen Schwangerschaftsabbruch beantragen, für die medikamentöse Methode, so sind es am Berner Inselspital deutlich weniger.

Verschiedene Gründe mögen diese Diskrepanzen erklären. Allerdings liegt die Vermutung nahe, dass vielerorts die Information der Frauen über diese Alternative ungenügend ist, dass einzelne Spitalleitungen der neuen Methode skeptisch bis ablehnend gegenüber stehen oder dass es bei der spitalinternen Organisation hapert und zuviel Zeit verstreicht, als dass der Abbruch noch innerhalb der kurzen Frist von 7 Wochen seit der letzten Periode durchgeführt werden kann.

Kostengünstig

Gemäss einer Schätzung des Konkordats der Schweizerischen Krankenversicherer scheint ein Abbruch mit Mifegyne und Prostaglandin im Durchschnitt 340 bis 400 Franken günstiger zu sein als der chirurgische Eingriff (KSK aktuell, 8.5.2001). Aus dem Kanton Aargau wurde sogar ein Minderbetrag von über 1’000 Franken genannt (Mittelland Zeitung 28.5.02). Allerdings ist zu bemerken, dass in der Schweiz auch heute noch - im Gegensatz zum Ausland - der operative Eingriff meist unter Vollnarkose und vielerorts stationär (Hospitalisation von ein bis zwei Tagen) vorgenommen wird, was natürlich die Kosten massiv in die Höhe treibt.

Ausblick

Die Erfahrung im In- und Ausland hat gezeigt, dass viele Ängste, die der Methode entgegen gebracht wurden, namentlich was die Komplikationsgefahr betrifft, unbegründet waren. Es wird daher diskutiert, ob das Verabreichungs-Schema nicht vereinfacht werden sollte.

Heute müssen die Frauen zwei Tage, nachdem sie unter ärztlicher Aufsicht das Mifegyne geschluckt haben, in die Klinik oder Praxis zurückkehren, wo ihnen Prostaglandin verabreicht wird. Anschliessend ist eine 3-stündige Überwachung vorgeschrieben. Nun wird vorgeschlagen, den Frauen die Prostaglandin-Tabletten nach der Mifegyne-Einnahme mit nach Hause zu geben oder ihnen zumindest den mehrstündigen Spital- oder Praxisaufenthalt zu ersparen. Voraussetzung ist eine gute Patientinnen-Information.

Die Vereinfachung des Prozederes (auch beim operativen Eingriff) und eine bessere Information der Frauen über die Möglichkeit des medikamentösen Schwangerschaftsabbruchs könnte zur Entdramatisierung des Erlebens wesentlich beitragen.

Neue Anwendungsmöglichkeiten von Mifegyne werden zur Zeit geprüft, so z. B. als Notfall-Verhütung ("Pille danach") und zur Behandlung von Myomen und von gewissen Hirntumoren (Meningeom).

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