Abtreibung - Schwangerschaftsabbruch: Für das Recht auf einen freien Entscheid

Berichte vonFrauen

Ich beschloss, mich dem Trauerprozess zu stellen

Petra
Mein Freund und ich hatten die ganze Zeit verhütet, deshalb verdrängte ich den Gedanken an eine Schwangerschaft, obwohl mir ab der 5. Woche jeden Tag schlecht war, ich mich häufig übergeben musste, und ich morgens immer Heisshunger auf Schokoladeneis mit Erdbeeren hatte, danach am liebsten noch saure Gurken... (also wirklich dem "typischen" Schwangeren-Klischee entsprechend...). Obwohl ich in meinen Träumen ein paar Mal eine schemenhafte Babygestalt gesehen hatte... Ja, ich bin davon überzeugt, dass ich es unbewusst die ganze Zeit gewusst hatte, denn mein Körper wusste es, der hat es meinem Unterbewussten gesagt, und das hat diese Bilder in meine Träume geschleust...
Ich hatte schreckliche Angst. Ich fühlte mich der Herausforderung einer Schwangerschaft und der Erziehung des Kindes nicht gewachsen. Ich hatte schon all die Wochen zuvor mit mir gerungen, um endlich die Entscheidung zu treffen, mich von meinem Freund zu trennen. Ich konnte mir kein Leben mit ihm vorstellen. Wie häufig hatte er seine schlechte Laune an mir ausgelassen... Aber ich konnte mir auch nicht vorstellen, allein für ein Kind zu sorgen.
Mein Freund war felsenfest davon überzeugt, dass ich ihn betrogen hatte und das Kind nicht von ihm war - wir hatten ja schliesslich verhütet. Aber ich hatte ihn nicht betrogen, es ist immer sein Kind gewesen. An dem Tag, an dem ich zu ihm zur "Aussprache" kam, hatte er einen Hammer auf den Schreibtisch gelegt, mit dem er mich erschlagen wollte. Glücklicherweise hat er es nicht getan - und mir erst später davon erzählt.
Aber an dem Tag hatte ich grosse Angst vor ihm. Wirklich Angst, ich hatte gespürt, dass er kurz vor dem Ausrasten war... Es war wohl mein Glück, dass ich meiner Intuition folgte und blieb - trotz Angst -, und mich all seinen Anschuldigungen, Unterstellungen, Demütigungen und Drohungen stellte.
Ihm war kurz zuvor gekündigt worden, obwohl er sich jahrzehntelang für seinen Chef aufgeopfert hatte. Eine Katastrophe, denn er ist haushoch verschuldet, und war ausserdem zu dem Zeitpunkt schon sehr krank. Meinte aber, alles im Griff zu haben. Eine Woche nach meiner Abtreibung - in einem Krankenhaus -, war er dann selbst im Krankenhaus. Herzinfarkt. Nein, er ist kein Mann, bei dem ich mich emotional geborgen fühle. Erst recht nicht, um mich während der Schwangerschaft zu unterstützen.
Ich war im 3. Monat, das Kind war nicht geplant, ich hatte Kinder überhaupt nicht in meinem Lebensentwurf vorgesehen, mir schien es unvorstellbar, innerhalb der verbleibenden sechs Monate alles vorzubereiten...
Ich hatte gedacht, nach der Abtreibung würde ich Erleichterung spüren. Stattdessen erleb(t)e ich eine mein ganzes Wesen erfassende tiefe Trauer, wie ich sie noch nie zuvor in meinem Leben kennengelernt habe. Ich trauer(t)e um mein Baby. Denn ich liebe es sehr.
Das ist das Paradox: Ich habe das Wesen getötet, das ich mehr liebe als alle anderen auf der Welt... Dann merkte ich, ich kann mit niemandem darüber sprechen. Zum einen kann kein Mensch Verständnis dafür haben, dass eine Frau etwas nicht will - und dann, wenn es weg ist, darüber bittere Tränen weint.
Ich habe versucht, mit meinem besten Freund darüber zu reden, dann aber das Gespräch abgebrochen, weil ich merkte, dass er komplett verstört war. Und hilflos. Er wollte mir so gerne helfen. War aber, wie gesagt, komplett verstört. Auch mein Freund versuchte, mich von meiner Trauer abzulenken. Wollte, dass ich sie "wegdrücke". So wie er jahrzehntelang immer alles "weggedrückt" hatte. Und dann der Bumerang in Form eines Herzinfarktes kam... Dazu muss ich sagen, dass er aus Liebe handelt, wenn er versucht, mich von meiner Trauer fortzuführen. Das ist seine Art, mit Problemen fertigzuwerden, und er will mir damit helfen.
Zum anderen gibt es in unserer Gesellschaft ein grosses Tabu um das Thema Abtreibung: Es ist legal, bis zur 12. Schwangerschaftswoche abzutreiben, aber es ist dann nicht mehr "legitim", über das Kind, das man verloren hat, zu trauern. Es heisst doch immer, das Schlimmste, was einem passieren kann, ist, sein eigenes Kind zu verlieren. Darf eine Frau, die ihr eigenes Kind tötet, über diesen Verlust trauern? Wahrscheinlich gilt dies als unmoralisch, aber auch hier folg(t)e ich - aller Moral zum Trotz - meiner Intuition, beschloss, mich dem Trauerprozess zu stellen, denn schliesslich lebe ich, ich muss mich um meine seelische Gesundheit kümmern. Damit nicht auch mich in ein paar Jahren ein "Bumerang" trifft...
Es ist nicht einfach. Im Trauerprozess "besuche" ich die entferntesten Winkel meiner Seele. Von denen ich noch nicht einmal geahnt hatte, dass es sie gibt. Nicht ist mehr so wie vorher.
Ich schreibe diesen Bericht, um allen Frauen, die in einer ähnlichen Lage sind, Mut zu machen, sich dem Trauerprozess zu stellen. Um ihrer selbst willen. Vielleicht wird eines Tages das Tabu gebrochen? Mit meinem Bericht kann ich vielleicht einen winzigen Beitrag dazu leisten...
Vor ein paar Tagen hatte ich einen Traum. Ich war in einem Krankenhaus und hatte gerade mein Baby zur Welt gebracht. Es war Mai, draussen blühten die Kirschbäume,
mein Freund und ein paar Krankenschwestern waren da, alle lächelten mir zu. Man legte mir mein Baby in den Arm. Ein kleiner Junge. (Ich habe wohl Glück, das ich ihn in meinem Traum "ganz" sah, laut den Erfahrungsberichten anderer Frauen im Internet
sehen viele, die abgetrieben haben, in ihren Albträumen nur zerstückelte Kinder...). Eine weiche glatte Haut, riesige blaue Augen. Doch die Augen schauen nicht mich an.
Sie schauen in eine andere Welt. Eine Welt, zu der ich nicht gehöre.
Ich habe ein Kind, das tot ist. Ich habe ein Kind, und habe es doch nicht... Warum ist es in mein Leben gekommen? Es war nur Gast bei mir, drei Monate lang. Und hat doch mein Leben komplett geändert. Hat das geschafft, was sonst keiner geschafft hat. Keine Therapie, kein "Selbstfindungskurs" usw.. Es ist der Schlüssel, der mir die Tür zu einem Bereich meines Herzens aufgeschlossen hat, den ich vor langer, langer Zeit zugesperrt hatte... Dahinter ist ein Ozean von Liebe.
Ich hatte vergessen, dass ich lieben kann. Aber ich liebe mein Kind wirklich.
Das ist das Paradox. Das ist der Schmerz, das ist die Liebe, das ist die Wahrheit, mit der ich bis ans Ende meines Lebens leben muss. Mein Kind ist immer da, und doch ist es nicht da. Da ist eine Leerstelle. Sie wird immer leer bleiben. Aber ich habe Vertrauen, dass ich es lernen werde, damit zu leben.
Eines Tages werde ich wieder lachen. Und neue Träume schmieden...
Jede Geschichte ist anders. Es soll Frauen geben, die eine Abtreibung ohne weiteres "wegstecken". Es gibt aber auch Frauen, die leiden. Leiden unter dem, was geschehen ist. Unter dem, was sie getan haben. Darunter, dass sie damit leben müssen. Allein. Denn sie leiden auch unter dieser seltsamen Sprachlosigkeit, die unsere Gesellschaft auf einmal bei diesem Thema befällt.
Wenn wir Frauen doch wenigstens untereinander uns ehrlich gegenseitig unser Herz ausschütten könnten...
Zum Glück gibt es heute das Internet. Vielleicht, das ist meine Hoffnung, hilft das, was ich hier geschrieben habe, einem/einer von Euch weiter!

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