Abtreibung - Schwangerschaftsabbruch: Für das Recht auf einen freien Entscheid

Berichte von Frauen

Schwangerschaftsabbruch mit Mifegyne

Melanie, 27 Jahre
Ich habe letzte Woche mit Mifegyne (Abtreibungspille) abgetrieben und möchte nun hier meine Erfahrungen erzählen.
Die Schwangerschaft wurde in der dritten Woche bestätigt und war ein Schock, da ich in keiner festen Beziehung lebe und es ausser Frage stand, mit diesem Mann ein Kind zu bekommen, obwohl ich ihn liebe. ... Ich habe die medikamentöse Abtreibung machen wollen, um bewusst zu erleben, was geschieht...
Nach Verstreichen der gesetzlich vorgeschriebenen drei Tage Bedenkfrist (ich komme aus Deutschland), sass ich dann beim Arzt vor den drei Tabletten, die die Aufrechterhaltung der Schwangerschaft blockieren, ich nahm die drei Tabletten und ging nach Hause.
(Ich muss dazu sagen, dass ich mir in der kurzen, aber für mich ausreichenden Bedenkzeit sehr heftig mit mir und meinen Gefühlen auseinandergesetzt habe, auch weil ich vom Erzeuger alleine gelassen wurde und das alles selbst durchstehen musste - bis auf die Hilfe einer sehr guten Freundin, aber niemand kann in diesem Moment den Vater ersetzen).
Nach ca. fünf Stunden habe ich dann gemerkt - mehr psychisch als körperlich - dass sich das, was der Arzt "Zellhaufen" nannte, von mir verabschiedete und das war schon extrem. Ich habe plötzlich um mich herum nicht mehr wirklich etwas wahrgenommen, wurde kreidebleich, zitterte und wollte mich nur noch hinlegen. Mein Spiegelbild war mir fremd und ich wusste, jetzt stirbt etwas in mir ab, das unser Kind hätte werden können. Die Nacht war sehr schlimm, da ich alleine war, zwar hatte ich keine körperlichen Schmerzen aber seelische, ich habe ein Absterben in mir gespürt, wenn man auch wirklich noch nicht von einem menschlichen Wesen reden konnte (meine Meinung).
Der folgende Tag war weniger schlimm, als ich dachte. Natürlich war es komisch, morgens aufzuwachen, sich allein zu fühlen wie noch nie und zu wissen, dass das mit dem abgestorbenen Gewebe in einem zusammenhängen kann. Aber ich war Gott sei Dank nicht ganz alleine und meine Freundin hat mit mir geweint (die Hormone sind natürlich heftigst durcheinander zu diesem Zeitpunkt) und war für mich da. Wieder einen Tag später kam das, wovor ich am meisten Angst hatte und es war schlimmer als ich es mir hätte vorstellen können. Ich habe die Tablette (Cytotec) eingeführt, die den Abgang auslösen sollte. Dann wartete ich. Nach drei Stunden ging dann zunächst der Fruchtsack ab und kurz darauf bekam ich recht starke Blutungen. Gerade als ich anfing, mich darüber zu wundern, wie unspektakulär das alles abläuft, bekam ich die heftigsten Schmerzen die ich jemals hatte. Der Arzt sagte im Vorfeld etwas von wehenartigen Schmerzen, deshalb nahm ich zwei Buscopan und nochmals zwei, aber die haben nichts geholfen. Ich bekam Durchfall (wohl von der Tablette), musste mich vor Schmerzen übergeben, alles gleichzeitig, mein Kreislauf rutschte in den Keller, Taubheitsgefühle in Armen und Beinen, vermindertes Hören... [Derart starke Schmerzen und Nebenwirkungen sind die Ausnahme. Etwa 20% der Frauen haben gar keine Schmerzen, die meisten durchaus erträgliche von kurzer Dauer. Anm. A.M.Rey]
Schließlich rief meine Freundin meinen Arzt an, er meldete mich in der Klinik an und dort hat man mir dann Infusionen mit Schmerzmitteln gegeben. Ich verbrachte die Nacht dort und bin am nächsten Tag nach Hause. Körperlich und mental sehr geschwächt natürlich.
Das ist nun eine Woche her und ein bisschen mühsam suche ich einen Weg zurück ins normale Leben, was nicht einfach ist, für mich im Speziellen weil ich von einem Menschen, den ich liebte, im Stich gelassen wurde zu einem Moment, in dem ich ihn gebraucht hätte.
Ich hoffe nie wieder in eine Situation "Treibe ich ab?" zu kommen und ich weiss auch nicht, ob ich mich nochmals für den medikamentösen Abbruch entscheiden würde. Er ist "schonender" für den Körper (war mir wichtig bzgl. meiner Gebärmutter, ich will dort keine Metallinstrumente wissen), aber sehr belastend für die Psyche.
Ein guter Arzt, der aufklärt, ist wichtig, ich hatte zum Glück das Gefühl, alles fragen zu dürfen, was mich drängte und er war sehr einfühlsam. Ebenso braucht man unbedingt einen Menschen der das mit einem durchsteht, mit Medikamenten abzutreiben ist sehr belastend was Gefühle betrifft, so war es zumindest bei mir. Wenn ihr keinen habt, dann geht zu ProFamilia, die betreuen euch auch beim Abbruch!
Trotz allem Schmerz und aller Angst, ist es eine Methode, die man in Erwägung ziehen sollte! Sie ermöglicht eine sehr starke, bewusste Auseinandersetzung mit dem ungeborenen Leben in einem, ich hatte das Gefühl mich Minute um Minute verabschieden zu können, denn ich habe von Anfang an eine Bindung zu diesem Zellhaufen gespürt und ich denke, aufgrund der Tatsache, dass diese Zellen in mir gewachsen sind, ist das auch ganz normal!
Den Fruchtsack habe ich zunächst aufgefangen, er war ganz klar und es hat mich beruhigt zu sehen dass es sich bei mir (dann Anfang vierte Woche) tatsächlich "nur" um einen Zellhaufen handelte, der nicht ansatzweise mit einem Embryo Ähnlichkeit hatte!! Auch die Blutungen waren nicht sehr stark, etwa wie eine heftige Periodenblutung.
Zusammenfassend kann ich diese Methode nur denjenigen empfehlen, die sich bewusst auseinandersetzen wollen über mehrere Tage! Wichtig ist emotionale Unterstützung, auch wenn man letztendlich alleine durch muss. Was ganz wichtig war für mich: Man macht alles selbst und das ist für mich die logische Konsequenz aus so einer weitreichenden Entscheidung. Für sehr junge Mädchen sehe ich diese Methode aber als kritisch an, aufgrund der psychischen Belastung.
Jetzt ist alles vorbei. Das Leben um mich herum ist wie immer, nur ich selbst habe mich verändert, wie genau weiss ich noch nicht. Das war die erste und vielleicht einzige Entscheidung meines Lebens mit so einer Tragweite. Ich habe sie getroffen und stehe dazu. Ich spüre, dass es mich verändert hat, ich werde für immer schon mal schwanger gewesen sein, aber ich glaube, dass nicht jede Abtreibung zwangsläufig zu einem traumatischen Erlebnis führen muss.
Ich wünsche allen Frauen, die das hier lesen, die Kraft zur richtigen Entscheidung!! Und danke an diese Seite, es war hilfreich, so etwas zwischen all diesen "Abtreibung ist Mord"-Homepages gefunden zu haben!

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