Abtreibung - Schwangerschaftsabbruch: Für das Recht auf einen freien Entscheid

 

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Verantwortung"In Verantwortung entscheiden - Frauen berichten"

"Auf jeder Seite dieses Buches bemühen sich Menschen, mit einfachen Wörtern die Wahrheit, ihre Wahrheit zu finden. In dieser Schrift wird nicht über Frauen diskutiert, es wird mit Frauen geredet." (Laure Wyss)

15 Frauen im Alter zwischen 84 und 25 Jahren erzählen ihre persönliche Geschichte. Sechs Fachleute geben Auskunft. In welcher Situation befinden sich Frauen, die eine Schwangerschaft abbrechen? Wie fühlen sie sich danach?

Bernadette Kurmann, hrsg. SVSS, 1998. 100 S., Fr. 10.- (verbilligt)
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Aus dem Inhalt:

Ich musste mit dem Gefängnis rechnen
(Jahrgang 1914)
Schon die Heirat war eine Muss-Heirat. Im Nachhinein war das schon richtig, doch als ich nach einem halben Jahr wieder schwanger war, ist mir alles über den Kopf gewachsen. ...   Genf war meines Wissens der einzige Ort, an dem damals eine Abtreibung überhaupt möglich war. Ich fuhr alleine nach Genf. ...  Was ich tat, war gegen das Gesetz. Ich musste befürchten, im Gefängnis zu landen. Ich kannte diese Situation von einer Frau aus meinem Dorf. Sie wurde erwischt und eingesperrt. ...  Mir ist wichtig, dass der Abbruch legal wird und die Frauen nicht länger Opfer bleiben. Es ist nicht recht, dass Frauen ein Kind aufgezwungen werden kann.

Ich war nicht reif für die Mutterschaft
(Jahrgang 1951)
Ich bemerkte meine Schwangerschaft sehr schnell. Meine Periode war sonst immer regelmässig. Mir war sofort klar, dass ich nicht austragen wollte. Die Situation mit meinem Freund war alles andere als ideal. ... Die Abtreibung verlief sehr unproblematisch. ...  Bereut oder bedauert habe ich diesen Eingriff nie. ...  Trauer in diesem Zusammenhang kenne ich keine. Ich erinnere mich, dass ich in den Wochen der Schwangerschaft oft einen Traum hatte: Ich träumte, dass ich ein Kind zu Hause habe, ich dieses Kind aber immer vergass. Der Traum sagt mir, dass ich weder bereit noch fähig für eine Mutterschaft gewesen bin. Der Entscheid für den Abbruch war also völlig richtig. Diesen Traum hatte ich später nie wieder.


Erfahrungsberichte von Frauen ð


Mütter wider Willen

Paula
Ich habe keinen Abbruch erlebt, aber dafür die Hölle einer ungewollten Schwangerschaft, eine traumatische Geburt, die mich seit über 4 Jahren immer wieder, jeden Tag aufs Neue belastet und Bilder abruft, die ich keinem Menschen wünsche. Da mein Partner mit meinen Problemen nicht klar kam, stehe ich heute allein mit dem Kind da, zudem am sozialen Abgrund, denn ich bin körperlich und seelisch am Ende meiner Kräfte, habe meine Arbeit verloren und bisher keine neue gefunden.
All das, weil mein Frauenarzt es wichtiger befand, dass ich nach meiner eindeutigen Aussage "ich will kein Kind" meinte, ich solle noch ein paar Wochen abwarten, und erst einmal in Urlaub fahren. Ohne mir zu sagen, dass es eine medikamentöse Abtreibung gibt, von der ich nichts wußte. Und ich....blockiert und in emotionaler Extremsituation wie gelähmt - zu keinem anderen Arzt ging. Mein Freund mich unter Druck setzte, das Kind zu kriegen. Eine Ärztin dann vor einem beschlossenen Abtreibungstermin mir in einer menschenunwürdigen Untersuchung das Ultraschallbild zeigte und sagte: sehen Sie, wie groß das schon ist? (das war in der 12 SSW.)
Ich hasse mein Leben seither, ich weiß nicht, wie ich die Bilder, die schrecklichen Gefühle der 48 Stunden dauernden, komplikationsreichen Geburt, bei der ich wie ein Stück Fleisch behandelt wurde, je wieder loswerden soll.
Dürfen denn Ärzte alles? Dürfen sie mit Frauen so umgehen?
Ich bereue es, nicht abgetrieben zu haben.


Mara
Ich habe mein Kind mit 18 bekommen und dies nie gewollt, ich hoffte ich verliere es, ich habe die Schwangerschaft in der 10. Woche bemerkt, der Freund drohte mich umzubringen, wenn ich es nicht abtreibe, ich erlitt die Hölle. Ich ging noch zur Schule, die ganze Familie explodierte, als sie davon erfuhren, dann kam ich durch viele Umwege in ein Mutter-Kind-Heim. Ich war nicht bereit für ein Kind, träumte ich vergesse das Kind irgendwo, ich denke dies war die innere Angst. Mein Kind kam zur Welt und ich hatte keine Gefühle dafür, ich hasste es irgendwie und irgendwie tat es mir leid, ich konnte meinem Baby nicht in die Augen schauen, denn ich sah immer meinen Ex, der mich so schlecht behandelt hat und den ich abgrundtief hasste. Ich liebte dieses Kind nicht, ich pflegte es zwar und versorgte es, aber es lag eine Spannung zwischen uns. Mit zehn Monaten wollte ich es weggeben, irgendwie wurde ich nicht so ernst genommen von der Adoptionsberatung, und dann hat mir meine Schwester zugesichert, dass sie das Kind nimmt, wenn sie vom Ausland zurückkommt, das tat sie dann nicht. Ich gewöhnte mich daran, aber ich musste Antidepressiva nehmen, psychische Behandlung, weil ich den Vater des Kindes so seeehhhhr hasste, zwei Jahre liebte ich mein Kind nicht, dann wurde es langsam besser, ich fing an, sie zu lieben, mehr und mehr, ich habe oft geweint, dass ich sie früher nicht liebte. Mein Kind weiss von früher nichts und hat auch keinen Schaden davongetragen, denn sie war noch zu klein, ich liebe sie inzwischen seeehr, dieses Gefühl ist unglaublich schön, ich hätte nie gedacht, dass ich einmal mein Kind so lieben werde, sogar der Ex hat sich nach drei Jahren gemeldet und bereute es plötzlich, aber mit dem habe ich nichts mehr zu tun.


Ungewollte Kinder

Liane
Ich bin ein ungewolltes Kind, meine Mutter hat mich mit 19 Jahren gekriegt, und auf Grund ihrer absolut abstossenden Haltung mir gegenüber musste ich viel Elend mitmachen. Bin neun Jahre lang missbraucht worden, wurde total vernachlässigt grossgezogen, ich hatte die Hölle in meiner Kindheit.
Ich brauchte und brauche immer noch viel Zeit und Kraft um das alles zu verarbeiten, viel Therapie viel Geduld.
Ich habe von Anfang an gedacht, daß es besser gewesen wäre, daß sie mich abgetrieben hätte, dann wäre mir viel Leid erspart geblieben. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich lebe trotz allem gerne und bin überhaupt nicht selbstmordgefährdet, aber wieviele Menschen gibt es, die sich wegen einer solch schlimmen Kindheit umbringen.
Und auch ich hätte mir gerne viel bessere Startbedingungen gewünscht.
Ich glaube, daß es besser ist, sich als Schwangere Gedanken darüber zu machen, ob das Kind wirklich gute Bedingungen kriegt, oder es noch einfach nicht der Zeitpunkt ist, und man besser abtreibt.
Damit geht man viel verantwortlicher mit Leben um, als Kinder auszutragen und sie unter schrecklichsten Bedingungen grosswerden zu lassen, ungeachtet der Schädefolgen für ihr Leben.
Alle Abtreibungsgegener sollten sich bevor sie urteilen, überlegen, was passieren würde, wenn es den Gebärzwang gäbe, und ob es realistisch ist, dass all diese Kinder in tolle Adoptivfamilien kommen. Ich glaube kaum .


Ungewollt
Die Gegner der Fristenregelung haben offenbar das Gefühl, dass alle geretteten Kinder unendlich dankbar für ihre Existenz sind. Dies ist bestimmt in einigen Fällen so. Ich für meinen Teil habe es nie besonders attraktiv empfunden, wenn meine Mutter meinte, sie hätte mich doch lieber abgetrieben. In diesen Situationen ist man als Kind schlicht und einfach überfordert und als Teenager schien der Selbstmord eine gute Lösung. Noch heute (ich bin 31) werde ich zeitweise für das Unglück meiner Mutter verantwortlich gemacht. Das ist auch jetzt noch sehr erniedrigend, denn ich habe keine Schuld an meiner Existenz. Es gibt Tage, da wäre ich tatsächlich lieber tot.
Wenn ich einem Kind diese Demütigungen, die ich als ungewolltes Kind erlitten habe, ersparen kann, dann hat sich mein Einsatz für die Fristenregelung gelohnt.

Claudia Béguin

Lisa
1977 haben meine Eltern geheiratet. Anderthalb Jahre später kam ich zur Welt. Während meiner gesamten Kindheit wurde ich vor allem von meiner Mutter geschlagen und psychisch fertig gemacht. Mein Vater hat sich nie für mich eingesetzt. Mir kam es vor, als wäre ich ihm egal. Meine Mutter hatte irgendwie Hass auf mich. Mein jüngerer Bruder wurde von allen bevorzugt. Er konnte mich sogar vor unserer Mutter als Hure bezeichnen und sie sagte nichts dagegen. Hatte ich schlechte Noten in der Schule, wurde ich geschlagen. Zudem wurde ich als billige Arbeitskraft ausgebeutet. In meiner Freizeit musste ich kochen, putzen und meine Familie bedienen. In meiner Mädchenzeit war ich depressiv, hatte jahrelang schlimmste Alpträume, ständig Magen- und Herzschmerzen. Als ich in die Lehre ging, fing ich an rezeptpflichtige Beruhigungsmittel mit Alkohol zu konsumieren, um abschalten zu können. Jahre später habe ich von meiner Tante erfahren, dass meine Mutter sich von meinem Vater im ersten Ehejahr hätte scheiden lassen, wenn sie nicht schwanger gewesen wäre. Ich bin der Ansicht, dass sie mir viel Leid erspart hätte, wenn sie die Schwangerschaft abgebrochen hätte.


Anna
Ich hätte eigentlich nicht auf die Welt kommen sollen. Meine Eltern hatten schon 3 Mädchen, die letzte war 7 Jahre alt und meine Mutter wollte sich scheiden lassen - und da wurde sie nochmals schwanger, vermutlich nicht unter den besten Bedingungen. Alle Versuche für einen spontanen Abort haben fehlgeschlagen. Die grosse Enttäuschung kam bei der Geburt : nochmals "nur" ein Mädchen. Also hat meine Mutter nochmals 5 Jahre gewartet und sich danach scheiden lassen. Die Beziehung zu meiner Mutter war katastrophal - ich war immer ihr Hindernis, für die Scheidung, für eine neue Beziehung, usw. Sie hatte mich nicht abgetrieben, aber weggetrieben. Mit der Volljährigkeit war ich für sie inexistent. - Das ist eine ganz kurze Zusammenfassung. Die Realität war komplexer und nicht immer einfach. Für mich war es umso wichtiger, meinen Kindern sagen zu dürfen, dass sie sehr erwünscht waren.


Adoption

Susanna
Ich bin sehr glücklich über den Ausgang der Abstimmung vom 2. Juni 2002 und möchte dazu eine wahre Geschichte erzählen:
Ich bin Jahrgang 1940, also über 60 Jahre alt und kenne daher das Leben, im Gegensatz zu den jungen Leuten, die teilweise zu Wort gekommen sind. Mit 20 Jahren habe ich ein uneheliches Kind geboren - damals eine Schande. Eine Abtreibung wurde vom Arzt abgelehnt. Meine Eltern haben mir zwar finanziell geholfen aber sonst wurde ich allein gelassen. Ich musste mein Kind in einem Kinderheim in der französischen Schweiz zurücklassen und ging zurück nach Zürich. Nach einiger Zeit habe ich dort wieder angefangen zu arbeiten und suchte deshalb einen Krippenplatz für mein Kind. Das war im Jahr 1961 und es war trotz intensiver Suche kein Platz zu finden, auch nicht in der Umgebung. Ich war genötigt, mein Kind 100 km weit weg zu platzieren. Ohne Auto war es mir unmöglich, eine Beziehung zu meinem Kind aufzubauen. Zudem war das Kinderheimleiterehepaar nicht gerade hilfreich, war mein Kind doch das einzige Baby und die Frau war nicht in der Lage Kinder zu gebären. Den Rest können Sie sich ausmalen: Nach 6 Jahren habe ich aufgegeben und ihnen das Kind zur Adoption freigegeben!
Im Jahr 1963 habe ich dann geheiratet und ein weiteres Kind bekommen. Danach wurde ich mehrmals schwanger, obwohl ich jeden Monat durch den Gynkologen ein Pessar einsetzen liess. Die Finanzen liessen zu jenem Zeitpunkt keine weitere Schwangerschaft zu und somit habe ich mehrmals abgetrieben, immer sofort, sobald die Periode ausblieb - bis dann die Pille verfügbar wurde. Anfänglich wollte mir mein Arzt nicht helfen, ich habe es dann selbst gemacht, danach war es für ihn kein Thema mehr. Diese "Abtreibungen" in den ersten Tagen waren für mich keine psychische Belastung sondern eine enorme Erleichterung.
Ganz sicher hätte ich mir von niemandem befehlen lassen, dass ich ein Kind auszutragen habe; dies liegt in meiner eigenen Verantwortung. Ich wäre bei Bedarf auch mit der Stricknadel vorgegangen!
Was heisst denn hier "Ja zum Leben", ja was für ein Leben denn? Wir haben doch schon viel zu viele Kinder, die ungeliebt und unbehütet sind. Selbst wenn eine Frau das Cabriolet einem Kind vorzieht, sollte sie das Cabriolet haben.
Eine Adoption kann nie eine Lösung sein. Im Gegensatz zu den Abtreibungen habe ich die Adoption bis heute nicht verkraftet, obwohl ich Kontakt zu meinem längst erwachsenen Kind habe. Keine Mutter gebärt ein Kind, um es dann wegzugeben, das ist eine menschenunwürdige Praxis und wenn ich das Wort "Babyklappe" höre, wird mir schlecht.
3.6.2002


Nadine
Ich bin adoptiert worden. Mein grösster, tiefster seelischer Wunsch wäre zu wissen, dass meine leibliche Mutter mir mit Freude das Leben schenkte. Dem ist wahrscheinlich bis ziemlich sicher nicht so. Man kann niemanden zu so Etwas wie Freude zwingen! [...] Ich bekam die notwendige Kraft, selbst glückliche Mutter zu sein aus zwei Kanälen, nämlich der Liebe und dem Wissen, dass ich aus eigener, freier Entscheidung dieses Kind in meinem Leben begrüsste. [...]
Natürlich ist und war es für mich hart, mir vorzustellen, dass es mich vielleicht nicht gegeben hätte. Aber schliesslich gehört es allgemein zum Leben, sich auch mit der Tatsache des Todes auseinanderzusetzen. Was ich aber mit absoluter Gewissheit weiss, ist: Das was meine leibliche Mutter für mich getan hat, darf nicht verlangt werden. Ich sage dies als adoptiertes Kind, als Mutter eines Kindes und als Bürgerin der Schweiz.


Fachleute

Jene Zeiten möchte ich nicht zurück!
Ich bin 70, Mutter und Grossmutter, pensioniert. Eigentlich könnte ich mich zurücklehnen. Schwangerschaften sind nicht mehr mein Thema. Ein Schwangerschaftsabbruch ist ein Übel, ein für jede Frau gravierender Entscheid, kostet Leid und Tränen. Es sei jede Frau dankbar, wenn sie nie vor dem Entscheid stand.
Mir machen aber die Verfechter des „Lebensrechtes des Kindes“ Angst. Als ob mit einem Verbot der Abbruch verhindert würde. Ich habe als junge Staatsanwältin in Basel noch Strafverfahren wegen Abtreibung geführt. Und diese Zeiten möchte ich nie mehr zurück. Da gab es Geschichten, die ich bis heute nicht vergessen kann. Diese illegalen Abtreibungen waren grauenhaft. Aktive Abtreiber sind die schlimmsten Verbrecher. Und trotzdem wandten sich die verzweifelten Frauen, die das Geld für einen Abbruch im Ausland nicht hatten, an diese „Engelmacher“, denn wenn eine Frau überzeugt ist, dass sie das Kind nicht austragen kann, wird sie es auch nicht austragen, koste es, was es wolle. Dann nimmt sie die Abtreibung in einer Küche, in der Velowerkstatt, im Hinterzimmer auf sich, mit all den grässlichen Werkzeugen, vom Mutterrohr mit Seifenwasser bis zur Stricknadel und der Velospeiche, im vollen Wissen, dass sie verbluten, an einer Luftembolie, einer Infektion sterben kann. Dass sie bestraft werden konnte, wenn sie die Prozedur überlebte und sie auskam (oft durch sehr unschöne Weise), hat keine vom Eingriff abgehalten; die Strafe hat sie auch nicht beeindruckt.
Wer also einer Beibehaltung oder gar Verschärfung der Strafbarkeit der Abtreibung das Wort redet, geht von völlig falschen Voraussetzungen aus: Er wird kaum eine Abtreibung verhindern, er nimmt aber Siechtum oder Tod von Frauen in Kauf, wird damit zum potentiellen Mörder von verzweifelten Frauen, die oft genug auch Mütter sind.

Dr.iur. Annemarie Geissbühler
Mai 2002


Keine "objektive Wahrheit“
Die Auseinandersetzung um die Abstimmung zur Fristenlösung betrifft auch mich als Psychiater. Immer wieder sehe ich in meiner Praxis Frauen, bei denen ich als Gutachter Stellung nehmen muss, ob eine Abtreibung durchgeführt werden darf. Das heutige Gesetz schreibt mir die Rolle zu, in kürzester Zeit eine Frau in der Ausnahmesituation einer unerwünschten Schwangerschaft zu beurteilen und festzustellen, ob sie durch ein Austragen der Schwangerschaft in erheblichem Ausmass gefährdet ist.
Natürlich habe ich durch meine Ausbildung und Erfahrung etliches an Wissen, um eine Einschätzung zu machen, die mit einiger Wahrscheinlichkeit korrekt ist. Es wäre aber vermessen zu behaupten, dass in der sehr kurzen, zur Verfügung stehenden Zeit eine gesicherte, objektive „Wahrheit“ festgestellt werden kann. Es ist nicht möglich, dass mich mein Fachwissen im Laufe eines ein- oder zweistündigen Gesprächs mit einer Frau zu einem Experten ihres Lebens machen kann. Sie selbst hat mit Sicherheit mehr Wissen über sich, und bietet darob die grössere Sicherheit, ihre Lage richtig einzuschätzen. Ich denke, es ist höchste Zeit, dieser Realität mit der Fristenregelung gerecht zu werden.

Dr. med. Heiner Lachenmeier, Psychiater
Mai 2002


Chancenlos
Wir arbeiten seit Jahren mit den Spätfolgen der sogenannt ungewollten Kinder im jugendlichen und erwachsenen Alter. Ein oft lebenslanges Erbe begleitet sie auf ihrem chancenlosen Lebensweg. Finanziert werden diese „ungewollten“ Kinder nicht von der Organisation „Mutter und Kind“, sondern von den staatlichen Sozialhilfen. Die Initiative „Für Mutter und Kind“ schreibt in den Abstimmungsunterlagen: “Die Initiative will, dass keine Frau aufgrund einer Schwangerschaft zum Sozialfall wird“. Ein christliches Anliegen. Doch kennen ihre Mitglieder die Realität und wie lange Kinder finanziell und emotionell von der Mutter, bzw. den Eltern abhängig sind?  
Könnten wir im 21. Jahrhundert nicht endlich einsehen, dass es Themen gibt, wo die Männer die Entscheidung den Frauen überlassen können?

Lis und Eric Misteli


Unverwurzelt
Austragen oder abbrechen einer ungewollten Schwangerschaft? Letztlich geht es doch immer um ein Kind und dessen Entwicklungschancen. Vorrangiger Schutz für das Ungeborene verträgt sich schlecht mit der Lebenswirklichkeit jener Menschen, die es eigentlich gar nicht hätte geben sollen. Gewiss kommen viele von ihnen auch unter widrigen Bedingungen zu einem erwachsenen Dasein im Rahmen der Norm. Andere, und von denen kenne ich allzuviele, verwirklichen ihr Unerwünschtsein ein Leben lang. Disoziale, Süchtige, Gewalttätige gehören sehr häufig zu solchen Unverwurzelten. Aber ungleich öfter entstehen aus ursprünglichen Geborgenheitsmängeln jene Beziehungsstörungen und Selbstwertkonflikte bis hin zur Depression, die im Stillen familiäres Unglück und weiteres Kinderelend nach sich ziehen. Die Schicksalshaftigkeit solcher Lebensläufe selbst über Generationen hinweg ist beeindruckend. Für mich ist es ganz klar eine Frage verantwortlicher Elternschaft, nur dann zu einem werdenden Kind ja zu sagen, wenn für sein Gedeihen ein Minimum an nötigen Voraussetzungen besteht. Niemand ausser der Schwangeren selber kann dafür Verantwortung übernehmen. Dafür brauchen wir endlich eine rechtliche Basis. Ja zur Fristenregelung.

Dr. med. Hans PETER
April 2002


Eine Frau starb in meinen Armen
Als Medizinstudent erlebte ich, wie eine türkische Frau in meinen Armen an den Folgen einer illegalen Abtreibung starb. Daher setze ich mich für die Fristenregelung ein und führe selbst Schwangerschaftsabbrüche durch.

Dr. med. Claudio Bosia, Lugano


Zitate / Meinungen / Texte

Sarah Diehl, Autorin und Filmemacherin

Gisela
Ich habe keinen Schwangerschaftsabbruch hinter mir - Gott sei Dank! Meine zwei Kinder waren gewollt und sehr erwünscht. Trotzdem möchte ich mich gerne zu diesem Thema äussern, da ich die Gefühle und Ängste der Frauen, die ungewollt schwanger werden, genau kenne - und ich glaube, viele Frauen kennen dieses Gefühl ebenfalls. Ich komme aus der ehemaligen DDR und bin 1960 geboren. Für mich war es schon zur Teenagerzeit ein normales Gedankengut, dass eine Frau eine ungewollte Schwangerschaft bis zur 12. Woche abbrechen darf. Ich kenne jedoch keine Frau, die leichtfertig das Risiko einer ungewollten Schwangerschaft eingegangen ist. Als ich 1990 in die Schweiz kam und das Thema Fristenregelung diskutiert wurde, kam ich mir wie im Mittelalter vor. Die Gedanken, welche von den Gegnern ins Feld geführt wurden, waren für mich einfach abstrus, denn jede halbwegs vernünftige Frau - und eine andere sollte gar nicht Mutter werden dürfen - setzt sich von sich aus mit den Folgen und Problemen einer Schwangerschaft bzw. eines Abbruches auseinander und entscheidet nicht aus egoistischen Gründen. Es ist in meinen Augen sogar ein sehr verantwortungsvolles Handeln, wenn sich eine Frau für die Abtreibung entscheidet, weil sie einem Kind nicht die Zukunft sichern kann, die sie ihrem Kind wünscht.


Sonja :
Das Tabu brechen
Ich war schon immer für das Recht auf Abtreibung, ich war schon immer davon überzeugt, dass eine Frau selbst über ihr Leben entscheiden sollte. Durch meine eigene Erfahrung wurde meine Meinung nur noch bestärkt. Wobei ich mir vorher wirklich überhaupt kein Bild von so einer Situation machen konnte. Mir war auch nicht klar, dass es noch so ein Tabuthema ist. Solange die Frauen, die einen Abbruch hinter sich haben, nicht darüber reden, wird es wohl auch immer ein Tabuthema bleiben. Die einzigen Stimmen, die man in der Öffentlichkeit hört, sind die der Abtreibungsgegner, die ja wirklich keine Ahnung haben, wie eine Frau sich fühlt, wenn etwas in ihr wächst, das sie gar nicht haben will. Und durch diese Stimmen wird eine Frau in die Ecke gedrängt und es wird alles schlimmer, als es eh schon ist.


Franziska Greising :
Dein Ernst, Papa?

Ich sitze im Bus, und der Bus sitzt im Stau, und mein Blick bleibt hängen an einem Plakat. Ich sehe eine Frau, sie hat es sich am Boden bequem gemacht, vor ihr krabbelt ein nacktes pummeliges Baby, und sie ist glücklich. Das sehe ich gleich. Sie hat ja sogar nicht bloss das Kind, sondern irgendwo auch einen Papa für ihr Kind. Rechts im Bild lese ich nämlich den Satz: Danke, Papa, dass du für das Leben stimmst. Ja, dieser Papa kann getrost sein Nein gegen die Fristenlösung in die Urne legen. Denn Mama und Baby zu Hause haben es gut, sie haben ihren Papa, der alle Probleme für sie beseitigt. Aber es betrifft selten die sonnige Familie aus der Vögele-Werbung, wenn eine Abtreibung zum existentiellen Thema wird. Oft, wenn eine Entscheidung zur Abtreibung real wird, ist kein Papa da für Mama und ihr angekündigtes Baby. Oder er ist da, aber es ist kein Verlass auf ihn. Oder er ist arbeitslos, krank, gewalttätig oder genauso überfordert wie die Frau. Darum rettet Papa, wenn er am 2. Juni Nein stimmt, wahrscheinlich kein Baby. Vielmehr riskiert er das Leben Tausender von Frauen, die sich trotzdem für den Schwangerschaftsabbruch entscheiden werden und die Operation ganz allein vornehmen. Weil's in ihren Augen eben doch sein muss. Illegal. Und mit der Aussicht, auch noch strafrechtlich verfolgt zu werden. Danke, Papa, dass du für das Leben stimmst. Als ob eine Fristenregelung eine Epidemie wäre, die über Baby und Mama von ausserhalb der Erde hereinzubrechen droht. Und nur Papas Nein allein sie vor dem Angriff schützen könnte. Frauenkörper sind seit je ein beliebtes Objekt für mancherlei Angriffe und Absichten gewesen. Davon erzählen ja auch die beiden Plakate, die rein zufällig links und rechts von Mama und Baby an der Wand neben der Strasse kleben. Links wirbt eine Dunkelhaarige im perfekten Bikini für ein Top zu 19.90. Rechts eine Blonde für Schmuck, und ich weiss nicht, soll frau sie beneiden oder man sie begehren. Okay, damit haben wir leben gelernt. Der Frauenkörper wurde jedoch nicht primär für die Werbung und fürs Geschäft erdacht. Zunächst ist er so schön und anziehend, weil er der Fortpflanzung dient. Und weil ihm dazu der Mann dient, der gewonnen werden will. Mit andern Worten: der weibliche Körper ist, wie er ist, zwecks der einzigartigen Fähigkeit, Leben zu reproduzieren. Bei jedem meiner Herzschläge gebären drei Frauen irgendwo in der Welt ein Kind. Obwohl noch zahllose andere Fähigkeiten sie auszeichnen, die mit viel weniger Risiko verbunden sind, tun sie es unentgeltlich und mit aller Selbstverständlichkeit. Sie steigern dadurch die Zuwachsrate der Erdbevölkerung jährlich um 78 Millionen. Jeder zweite Mensch im Alter zwischen zwölf und fünfzig ist in der Lage, Nachwuchs in die Welt zu setzen. Und fast jeder zweite Mensch zwischen zwölf und fünfzig tut es. Damit sorgen sie dafür, dass die Menschheit nicht ausstirbt. Aber jeder zweite Mensch im Alter zwischen zwölf und fünfzig ist auch jederzeit in der Lage, ungewollt schwanger zu werden. Und vielleicht möchte oder muss dieser Mensch dann darauf verzichten, Nachwuchs in die Welt zu setzen. Weiss der Kuckuck, warum wir in diesem Fall das Recht haben sollen, irgend einer Frau drein zu reden. Und warum sie nicht wenigstens eine Frist und Schonzeit bekommen soll, um in dieser Situation frei und in Würde zu entscheiden. Sie hingegen kurzerhand zu entmündigen und dank ihrer Biologie zur potentiellen Kriminellen zu stempeln, das kann doch nicht Papas und Mamas Ernst sein.

11. Mai 2002


Peter Frei, Arzt
Föten sind ein Wunderwerk der Natur. Ohne Mut und Freude der schwangeren Frau jedoch fehlt ihnen der Boden, auf dem sie gedeihen können.


Gisèle Halimi, Vorkämpferin für den straffreien Schwangerschaftsabbruch in Frankreich: "Die Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs hat das Leben der Frauen vollständig verändert. Ich denke, das Recht der Frau, sich selbst zu gehören, Herrin ihres Körpers zu sein, ist eine Vorbedingung für alle anderen Freiheitsrechte. Es ist eine Illusion, von wirtschaftlicher oder kultureller Unabhängigkeit zu sprechen, wenn eine Frau nicht zuerst sich selbst gehört und nicht mehr Sklavin des Schicksals ist."


Isolde Schaad, Schriftstellerin
"Selbstbestimmung in der Frage des Schwangerschaftsabbruchs ist ein Grundrecht der Frau".
Aussage vor der Abstimmung vom 2.6.02


Maria Becker, Schauspielerin
"Ich bin der Meinung, dass jede Frau über ihre Schwangerschaft selbst entscheiden können soll. Es darf nicht sein, dass eine Drittperson über ihr Schicksal bestimmen kann."
Aussage vor der Abstimmung vom 2.6.02


Ich kam mir wie ein Opfertier vor
Birgit: "[...] Ich merkte, dass ich schwanger war. Ich akzeptierte das nicht, keinen Augenblick. [...] Ich habe in keinem Moment so gefühlt, als müsse ich ein zartes, unschuldiges Wesen schützen. Nein, ich war empört über die Rücksichtslosigkeit eines Wesens, das doch wissen musste, dass ich absolut nicht erneut Mutter werden wollte. Es benutzte mich einfach für seine Zwecke. Ich wurde überhaupt nicht gefragt. Ich kam mir wie ein Opfertier vor. Ich wollte selbst entscheiden. Diesmal wollte ich eigene Verantwortung übernehmen, auch wenn ich mich damit einem eventuell vorhandenen göttlichen Plan widersetzte. [...]"
Aus: "Unter der Decke", Erzählung
von Brigitte Schult-Debusmann
hierophant-verlag, 2008
http://www.schultdebusmann.de/pageID_5528785.html

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