Abtreibung - Schwangerschaftsabbruch: Für das Recht auf einen freien Entscheid

Berichte von Frauen

Die Schmerzen waren die Hölle, aber psychisch erleichtert

Anja
Ich bin 31 Jahre alt. Mein Leben ist ein einziges Chaos. Ich habe meinen Job verloren, bin seit 2007 in Therapie. Ich habe viele schlimme Dinge in meinem Leben erlebt. Ich bin seit mehr als einem Jahrzehnt psychisch nicht auf der Höhe. Und seit ca 4 Monaten habe ich eine Liäson. Wir wollten erst einmal schauen, ob es mit uns beiden Sinn macht, bevor wir an die Öffentlichkeit gehen... Nun, es kam der Tag, an dem uns der Unfall passierte. Ich bin sofort am nächsten Tag zum Arzt und habe mir die Pille danach geben lassen, die ich ca. 8 Stunden nach dem Unfall eingenommen habe. Ich hab mich in Sicherheit gewusst. Dann kamen die ersten Symptome. Mir war schlecht, meine Brüste begannen zu spannen. Ich habe mir dennoch keine Sorgen gemacht, dachte es wäre eine Nebenwirkung von der Hormonbombe Pille danach. Dann blieb meine Regel aus. Ich informierte meinen Freund. Er lief sofort zur Apotheke, holte einen Schwangerschaftstest. Ich habe mich noch darüber lustig gemacht, dachte ach herrje was macht er hier für einen Aufstand. Ich habe doch die Pille danach genommen, diese kann nun mal auch die Regel ein paar Tage verschieben. Habe ihm noch vorher per SMS mitgeteilt, dass ich das Kind auf jeden Fall behalten werde und dass dann für uns eine andere Zeit anbrechen würde. Habe es mir absolut romantisch vorgestellt. Nun ja, da dachte ich ja auch, dass sowieso nichts passiert ist. Er war weniger begeistert. Also bin ich morgens früh um halb sechs zu ihm gefahren bevor er zur Arbeit musste. Habe ihn vorher noch böse angeschaut und gefragt, ob er mir noch etwas zu sagen hätte. War innerlich total sauer, dass er nicht so was wie "Wir bekommen das alles schon hin wenn es so sein sollte" gesagt hat. Auch da sagte er nichts. Ich bin also auf die Toilette, innerlich kochend, dachte noch bei mir: So, jetzt klatscht du ihm den negativen Test auf den Tisch, sagst ihm was für ein Arsch
er ist und dann wirst du dich in sein Bett legen, weiter schlafen und das ganze abends ausdiskutieren. Pustekuchen. Ich hatte den Test nur kurzfristig angesehen, da war dieser auch bereits deutlichst positiv, zeigte mir auch an, wieviel Wochen ich bereits schwanger bin. Es war also der Tag, an dem ich die Pille danach eingenommen hatte. Ich habe den Test hinter meinem Rücken versteckt, hatte den absoluten Nervenzusammenbruch. Ich habe gezittert am ganzen Leib, ich wusste nicht ein noch aus, ich dachte ich werde ohnmächtig. Währenddessen rannte er vor mir auf und ab, wollte den Test sehen. Dabei wusste er direkt ,dass dieser positiv war, anhand meiner Reaktion.
Wir haben stundenlang nichts gesagt. Die einzige Reaktion war ein Anruf bei seiner Arbeit, dass er sich für heute krank meldet.
Mir ging alles durch den Kopf. Ein Kind??? Oh Gott! Ich kann doch nicht mal mein eigenes Leben regeln, bin auf Grund meiner psychischen Störung nicht mal in der Lage, arbeiten zu gehen, ich hatte gerade einen Behindertenausweis beantragt und wollte in eine psychosomatische Klinik gehen, um mein Leben wieder in geregelte Bahnen zu bringen und vielleicht die Aussicht zu haben, dass ich ein paar Stunden am Tag arbeiten kann. Ich war sogar vom Amtsarzt krank geschrieben worden. Ich erhalte Hartz Vier und bin von dort aus zu diesem Arzt geschickt worden. Dieser stellte auf Grund meiner Störungen fest, dass mir derzeit nicht mehr als 3 Stunden arbeiten am Tag zugemutet werden kann und keinesfalls mehr als 15 Stunden wöchentlich.
Einen Tag später sagte er mir klipp und klar, dass er das Kind nicht will. Für mich brach eine Welt zusammen. Ich rief direkt beim Frauenarzt an, konnte am nächsten Tag bereits kommen. Beim Arzt die Gewissheit: Schwanger in der 4. Woche. Ich war hin und her gerissen. Ich wollte diesen Mann. Ich wollte ein Kind mit ihm. Aber jetzt sofort? Wir waren doch erst 3 Monate zusammen.
Ich verstand seine Gedanken, fühlte mich aber abgelehnt. Er sagte, dass er danach weiterhin mit mir zusammen sein will.
Ich fragte ihn, was denn wäre, würde ich das Kind behalten. Er schaute mich nur dumm an und sagte: "Ich will das Kind nicht." Ich sagte: Ich weiss aber nicht, was ich tun werde, dann müssen wir uns darüber unterhalten, ob du das Kind wenigstens sehen möchtest wenn ich es doch bekomme. Er sagte mir klipp und klar, dass er das Kind nicht sehen will und auch nicht mit mir zusammen sein will wenn ich es bekomme. Das war ganz klare emotionale Erpressung. Ich bin sofort aufgestanden, habe meine Sachen genommen und bin gegangen. Die nächsten Tage waren die Hölle. Ich war allein mit mir und meinen Gedanken. Konnte mich niemandem mitteilen, aus Angst davor, dass ich das Kind abtreiben würde und alle Welt davon erfahren würde. Ich wollte nicht von Abtreibungsgegnern zerfleischt werden.
Zwei Tage später wollte er mit mir reden. Er hatte sich mit einem Freund getroffen, der selbst ungewollt Vater wurde. Er entschuldigte sich bei mir, gab zu, dass er mich zu einer Abtreibung überreden wollte und dass es nicht in Ordnung war, wie er sich verhielt. Dass er mich finanziell unterstützen würde, weil er das sowieso gesetzlich müsste. Und dass er überall mit hin kommen würde zu allen Arztterminen. Dass er versuchen wird, wenn ich es behalte, mir das Kind auch mal abzunehmen, aber dass ich nicht erwarten soll, dass er auf heile Familie machen würde oder dass er das Kind lieben würde.
Okay, das war schon mal besser als vor zwei Tagen aber es tat mir sehr weh. Ich fühlte mich abgelehnt, ich dachte mir, wie kann er mir sagen, dass er mich will, nicht aber das Kind, es ist doch ein Teil von mir.
Ich war bei der Beratungsstelle für Schwangerschaftsabbrüche. Es war keineswegs schlimm. Für mich war es sehr hilfreich. So hatte ich nun den Beratungsschein in der Tasche. Meine Entscheidung stand fest. Ich wollte keine alleinerziehende Mutter sein. Ich wollte eine heile Welt. Ich wollte richtiges Vater-Mutter-Kind. Ich fühlte mich absolut nicht in der Lage, all dies zu stemmen, es sei denn ich würde in ein Mutter-Kind-Heim umziehen, wo ich sehr viel Hilfe bekomme wegen der psychischen Störung. Mein Entschluss stand fest.
Durch meine psychische Störung habe ich sehr viel Angst vor der Narkose und entschied mich deswegen für den medikamentösen Abbruch. Ich habe sehr viel gegoogelt und wahrscheinlich wirklich alle Erfahrungsberichte zu Mifegyne und Cytotec gelesen. Ich versuchte mich auf die positiven zu konzentrieren, da ich riesige Angst vor den Schmerzen hatte. Ich nahm die ersten 3 Tabletten Mifegyne beim Arzt ein. Nebenwirkungen hatte ich davon absolut keine. Am nächsten Tag war mir wahnsinnig übel, wohl aber eher von der Aufregung sowie von der Schwangerschaft an sich.
Der Arzt gab mir vier Tabletten Cytotec mit nach Hause. Ich hatte eine Notfallnummer bekommen und wurde im örtlichen Krankenhaus angemeldet, damit ich dort hin kommen könnte, sollte es Komplikationen geben.
Ich führte wie mit dem Arzt besprochen die beiden ersten Cytotec vaginal ein. Die Nebenwirkungen sollten bei diesem Vorgehen definitiv weniger sein. Ich wartete. 2 Stunden lang tat sich überhaupt nichts. Ich hatte schon Sorge, dass ich zu den 3 Prozent gehöre, bei denen Cytotec einfach nicht anschlägt. Also telefonierte ich mit meinem Arzt. Dieser sagte mir, ich sollte die beiden anderen Tabletten Cytotec auch noch nehmen. Ich hatte aber Angst vor den Schmerzen, daher nahm ich nur eine weitere statt zwei. Zusätzlich hatte ich bereits mehrere Ibuprofen intus, aus Angst. Eine weitere Stunde tat sich nichts. Dann ging es los. Erst mal nur normale Unterleibsschmerzen, so wie wenn man seine Tage bekommt. Diese kamen in Wellen. Mal 3 Minuten Schmerzen, total aushaltbar, geradezu lächerlich. Dann wieder nichts. Von Minute zu Minute steigerten sich die Schmerzen. Mein Freund und ich hatten ausgemacht, dass ich ihm auf einer Skala von 1 bis 10 mitteile, wie schlimm die Schmerzen sind, damit er sich ein Bild machen kann. Ich habe also mit 2 geantwortet. Innerhalb einer Stunde befand ich mich bei 6. Die nächsten beiden Stunden waren die absolute Hölle. Meine Schmerzskala wurde gesprengt. Ich habe nur noch gewimmert. Das waren Schmerzen, die ich meinem schlimmsten Feind nicht wünsche. Verzweifelt versuchte mein Freund, mir eine weitere Schmerztablette einzuflößen. Nicht einmal das ging. Ich habe viele Erfahrungsberichte gelesen, schlimme, weniger schlimme und welche, bei denen es kein bisschen schlimm war. Meine waren mit nichts zu vergleichen.
Psychisch war und ist es bis jetzt kein Problem für mich. Ich habe es mir viel schlimmer vorgestellt, ich war aber gut vorbereitet und habe meine Entscheidung sehr bewusst getroffen. Ich dachte es mir so: Das Kind zu bekommen, ist für mich wirklich reiner Selbstmord. Wenn nun jemand mit einer Waffe vor mir steht, und ich hätte auch eine Waffe, dann würde ich abdrücken. Es wäre dann Notwehr. So war die Abtreibung für mich ebenfalls Notwehr.
Als der Schmerz nach 3 Stunden endlich nachliess, war ich erleichtert. Eine Blutung hatte immer noch nicht eingesetzt. Die ersten Cytotec hatte ich um 9 Uhr morgens genommen. Mittlerweile hatten wir 12:30 Uhr. Ich rief wieder beim Arzt an. Schilderte, wie schlimm es für mich gewesen ist. Er wollte mit dem Krankenhaus telefonieren wegen einer eventuellen Ausschabung und sich dann melden. Ich hatte direkt einen erneuten Nervenzusammenbruch. Ich war gerade durch die Hölle gegangen, für nichts ? Musste jetzt eventuell doch in den OP? Ich heulte hemmungslos. Gott sei dank setzte nach einer weiteren Stunde endlich die Blutung ein. Schmerzen hatte ich keine mehr. Es blutete allerdings extrem stark, aber darauf war ich vorbereitet. Ich war einfach nur froh, dass es vorbei war. Ich habe nach weiteren 3 Stunden auch die Frucht abgehen sehen. Das tat nicht weh, aber man merkt, wie es heraus rutscht. Ich habe nichts gefühlt, keine Trauer. Vielleicht kommt das noch. Ich weiss es nicht. Für mich war es ein Zeichen, dass der Abbruch geglückt ist und ich war einfach nur erleichtert, der Hölle entkommen zu sein. Im nachhinein betrachtet, hätte ich mich besser in Narkose legen lassen sollen.
Viele beschreiben die psychische Belastung als sehr schlimm. Ich fand das überhaupt nicht. Ich hatte mehr Probleme damit, dass ich nicht wusste, was auf mich zukommt und wie schlimm die Schmerzen werden können. Das hat mich in den beiden Tagen vor der Einnahme von Cytotec absolut irre gemacht! Ich hatte eine Panik Attacke nach der anderen, meine schlimmsten Befürchtungen wurden auch bei weitem übertroffen. Aber psychisch war es für mich einfach eine Erleichterung. Ich werde keine alleinerziehende Mutter und habe nun wieder die Möglichkeit, einen für mich passenden Mann zu finden, mit dem ich zusammen das Wunder Wunschkind erleben und mich darauf freuen kann.

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