Abtreibung - Schwangerschaftsabbruch: Für das Recht auf einen freien Entscheid

Berichte von Frauen

Katja
Ich bin Anfang 30 und schon 8 Jahre mit meinem Freund zusammen. Wir haben schon vieles zusammen durchgestanden und er war eigentlich immer für mich da. Wir haben keine perfekte Beziehung, aber wer hat das schon. Ich hatte jahrelang immer mal wieder Depressionen, ich kam mit einer Vergewaltigung in meiner Jugend einfach nicht klar, habe die Gefühle so lange es ging unterdrückt, bis mich das Ganze eingeholt und krank gemacht hat. Mein Partner hat in dieser Zeit sicher nicht alles richtig gemacht, aber er hat es versucht und war immer da. Es wäre sehr viel einfacher für ihn gewesen zu gehen, aber das kam ihm nicht in den Sinn, egal wie sehr ich ihn abgewiesen habe. Jetzt geht es mir und uns wieder besser, seit 1 1/2 Jahren ungefähr, beruflich startet er gerade durch und ist glücklich und ich bin auf dem besten Weg. Mein beruflicher Werdegang wurde durch die Depressionen unterbrochen oder besser gesagt verzögert. Aber ich bin kurz davor, Ziele zu erreichen, die ich mir gesetzt hatte. Mein Verhältnis zu meiner Familie ist auch wieder gut, meine Eltern und meine Schwester sind wieder Vertraute und keine gefürchteten Kritiker mehr. Ich bin stolze Tante, mein Neffe 1 1/2 Jahre, meine Nichte 1 Monat. Mein Freund und ich suchen gerade eine gemeinsame Wohnung, das ging zuvor nicht, weil ich Bindungsängste hatte und ihm auch immer die Möglichkeit lassen wollte zu gehen, falls es zu schwierig für ihn werden sollte, ich wollte nicht, dass meine Probleme 2 Leben zerstören würden, sollte es nicht besser werden oder ich Suizid begehen. Aber jetzt habe ich mich selbst wieder im Griff und ich freue mich auf die Zukunft und mein Partner und ich wollen in ein paar Jahren eine Familie gründen. Ich glaube, dann werde ich bereit dazu sein.
Vor 2 Wochen bekam ich Angst, ich könnte schwanger sein, meine Periode blieb aus und mir ging's körperlich nicht gut, seit einer Woche Übelkeit. Ich machte 2 Schwangerschaftstests, einen gleich abends, weil ich es einfach nicht mehr aushielt und einen am Morgen, weil das so empfohlen wurde. Beide positiv. Ich hatte Angst. Ich kann gar nicht sagen, wovor zuerst, aber es hing auch alles zusammen. Was ist, wenn die Depressionen wieder anfangen, das ist doch alles noch gar nicht so lange her, ich weiß, wie es mir damals ging, so kann ich kein Kind groß ziehen. Meine beruflichen Ziele würden auch wieder unterbrochen werden, wenn sie mit Kind überhaupt zu verwirklichen wären. Vielleicht ist es oberflächlich von mir, so zu denken, aber ich bin noch dabei, Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen wieder zu entwickeln und dabei stütze ich mich sehr auf meinen Beruf und meine Erfolge dort. Ich konnte mich nicht an den Gedanken gewöhnen, darauf zu verzichten. Das wollte ich zuerst erreicht haben, bevor ich Mutter werde und Vorbild für ein Kind sein muss. Mein Partner hat auch gerade eine neue Stelle angenommen, die er liebt, wegen der er aber viel unterwegs ist und so wie es im Moment ist, hätte er finanziell den Löwenanteil übernehmen müssen.
Ich wusste aber auch, dass er hinter mir stehen würde, wenn ich das Kind bekommen würde. So ist er eben.
Als er abends nach Hause kam, sagte ich es ihm sofort und fing an zu weinen. Er fragte mich, warum das jetzt so schlimm sei. Ich konnte gar nicht begreifen, dass er nicht auch die Probleme sieht, die auf uns oder mich zukommen würden. Er sagte, wir bekommen das schon alles hin. Ich sagte ihm, ich hätte mich schon entschieden, ich könnte das nicht. Ich erzählte ihm von meinen Ängsten. Er sagte, es sei meine Entscheidung, mein Körper und auch meine Zukunft, er würde aber hinter mir stehen, egal was. In den nächsten Tagen versuchte ich, ihn dazu zu bringen, mir ganz klar und deutlich zu sagen, was er wollte, aber er wiederholte sich immer wieder, meine Entscheidung, seine Unterstützung egal was. Er sagte nur, dass es traurig sei, er hätte sich den Moment, in dem ich ihm sage, dass ich schwanger bin, immer anders vorgestellt, für uns beide. Vor allem seitdem ich Tante bin, haben wir oft über Kinder gesprochen, das übliche eben, was für Eltern wir sein würden, mögliche Namen, etc. Aber in meiner Vorstellung setzte ich immer voraus, dass ich  meine Ziele schon erreicht hätte und endlich an einem Punkt wäre, an dem ich auch stolz auf mich sein könnte. Da bin ich noch nicht.
Ich bin allein zur Beratung, bei Pro Familia. Es war okay, der Berater war nett, ich musste auch nicht zu sehr auf meine Geschichte oder Beweggründe eingehen. Er hat mich nur gefragt, ob ich mir sicher sei, wenn nicht, könnte ich mit ihm reden, aber er hat wohl gemerkt, dass ich das nicht wollte. Ich habe in meinem Leben schon mit zu vielen Psychologen geredet und nicht immer waren das gute Erfahrungen und ich hatte Angst davor, schon wieder einen Seelenstrip hinlegen zu müssen, vor einem Fremden, egal wie nett und kompetent. Er hat mir vom operativen Eingriff erzählt. Auch welche finanziellen Ansprüche ich haben würde, sollte ich mich für das Kind entscheiden. Die kannte ich schon vorher, also war's mir egal. Danach machte ich gleich den Termin für den Eingriff ab, in genau einer Woche, auch bei Pro Familia. Mein Partner hat gleich gesagt, er würde sich dann frei nehmen.
Die nächste Woche war seltsam. Immer wieder Gedankenexperimente, was wäre wenn, wie komme ich mit den Konsequenzen klar. Ich legte meine Hand auf den Bauch um mich dazu zu zwingen, was zu empfinden. Es kam nichts. Immer wieder diese schockierende Erkenntnis, schwanger, aber das waren alles Tatsachen, die sich nicht in meine Gefühlswelt übersetzen lassen wollten. Ich konnte mich nicht dazu bringen, mich zu freuen. Ich konnte nur fühlen, dass ich das nicht wollte. Wahrscheinlich auch nicht konnte.
Endlich der Tag. Ich war erleichtert, dass es endlich so weit war. Wir sind zusammen hin. Alle waren sehr nett, Empfangsdame, Frauenärztin, Anästhesist, Krankenpflegerinnen, sie haben mir die Angst genommen, wir mussten auch nicht lange warten. Ich hatte zuvor keinen Frauenarzttermin mehr machen können, also wurde dort ein Ultraschall gemacht, um die Schwangerschaft zu bestätigen. Ich bin froh, dass die Ärztin nicht gefragt hat, ob ich es sehen will. Ich hätte es nicht gewollt, aber das auszusprechen, wäre schwer gewesen. Die Narkose hat schnell gewirkt und genauso schnell habe ich mich davon erholt. Im Aufwachraum waren 3 andere Frauen. Eine 20, zu jung. Andere 33, One-Night-Stand, bereits ihre zweite Abtreibung, die erste als Teenager nach einer Vergewaltigung. Die Dritte 35, verheiratet, wollte nicht Mutter werden.
Alles legitime Gründe. Ich war schon immer der Meinung, dass jede Frau das Recht hat, darüber zu entscheiden, ohne sich vor irgend jemandem rechtfertigen zu müssen. Die Entscheidung ist schwer genug. Ich hatte gehofft, sie niemals treffen zu müssen. Man hat genug damit zu tun, es vor sich selbst zu rechtfertigen, da muss man es nicht auch noch vor anderen. Alle haben Sex, meistens mit dem Wunsch, kein Kind zu bekommen. Sexualität ist mehr als nur Reproduktion, in den Gedanken und Gefühlen ist unser Sexleben doch vom Kinderwunsch entkoppelt, ein Kind zu erschaffen, ist doch nur eine mögliche Konsequenz, egal ob gewollt oder ungewollt. Wir waren einmal nachlässig mit der Verhütung. Es wird schon nichts passieren. Wer sagen will, selbst dran schuld, kann sich hinten anstellen, wir geben uns gemeinsam die Schuld und das wird uns noch eine ganze Weile beschäftigen. Fehler macht jeder, und mir tut jeder Leid, der mit den Konsequenzen leben muss. Das tue ich auch, trotz Schwangerschaftsabbruch. Ein Kind zu bekommen ist nicht mein Weg, um für meine Fehler gerade zu stehen. Ich bestreite gar nicht, dass ich auch mit diesem Kind hätte glücklich werden können. Vielleicht hätte es einen Weg gegeben, aber ich habe ihn nicht gesehen. Vielleicht war meine Entscheidung egoistisch, aber das ist auch mein Recht und kein Argument gegen einen Schwangerschaftsabbruch. Ich bin 31, habe einen tollen Partner und seine Unterstützung, eine liebevolle Familie, die sicher auch ihre Unterstützung angeboten hätten, ich habe Angst, dass das meine einzige Chance auf ein Kind war und trotzdem... Ich will es nicht. Ich bin nicht soweit. Noch nicht. Jeder Mensch und jedes Leben ist anders und deswegen kann da kein anderer mitreden.
Direkt danach sind wir nach Hause, ich war einfach nur erleichtert. Am nächsten Tag sogar gut drauf, abends noch mit Freunden in die Kneipe, um Fußball zu schauen. Am Tag drauf abends mit meinem Partner ins Kino. Ich hatte mein Leben wieder so, wie ich es haben wollte. Dann ist mein Partner wieder arbeiten gegangen, ich noch krank geschrieben (mein Job ist körperlich anspruchsvoll, deswegen). Ich war alleine und ich wurde nachdenklich. So etwas zwingt einen, über sein Leben nachzudenken. Nach etlichen Gesprächstherapien kann ich das auch ohne Gegenstück ganz gut. Ich hatte es meiner Familie nicht erzählt, zu kompliziert, neue Nichte, schon zu viel in der Vergangenheit durchgemacht und sie waren einfach nicht Teil meiner Entscheidung und hätten es aber sein wollen. Meine zwei besten Freundinnen ungeeignet, die eine schwanger, die andere unfruchtbar und unglücklich darüber. Also nur ich. Es kam eigentlich nur die Erkenntnis darüber, was da passiert war, völlig wertfrei. Abends ein Gespräch mit dem Partner. Was waren denn seine Gedanken. Er sagte, er stehe immer noch zu mir und meiner Entscheidung, er ist froh, dass es mir besser geht. Er ist traurig. Im Gegensatz zu mir, ist er gläubig, damit habe er zu kämpfen. Er mache mir keinen Vorwurf, denn er glaubt, ich hätte für mich richtig entschieden. Er freut sich, dass er jetzt wüsste, dass er Leben schaffen könne, denn er hatte Bedenken, ob er überhaupt zeugungsfähig sei, wegen einer früheren Verletzung. Jetzt müsse er aber damit klar kommen, dass das Leben nicht mehr da ist. Unsere Meinungen, wann Leben beginnt, gehen auseinander, da hilft kein diskutieren, das kann man nur respektieren. Das Wissen wir beide. Wir lieben uns durch diese Erfahrung nicht weniger, auch der Respekt und das Vertrauen sind noch da. Das hilft, aber schwierig ist es trotzdem.
Dann war er wieder 3 Tage beruflich unterwegs, ich sagte ihm auch, er solle gehen, als er anbot, die Reise abzusagen. Ich komme schon klar. Das war auch so. Ich machte mir wegen seiner Worte Gedanken darüber, wie es mit Kind hätte werden können, fragte mich, ob es Mädchen oder Junge geworden wäre, weinte viel, aber ich habe das überlebt und auch wenn die Trauer jetzt da ist, bereue ich nichts. Aber bewältigen muss ich sie.
Heute kam er wieder, wir sind zusammen in einen Pub, um was zu essen und Fußball zu schauen. Ich war nicht schlecht gelaunt, nur ruhig. Er hat das wohl falsch interpretiert, ich wollte aber nicht dort drüber reden, erst zu Hause und habe deswegen keine Erklärung angeboten. Wir haben angefangen über Banalitäten zu diskutieren, es kam zum Streit, oder besser, es hätte zum Streit werden können, aber wir schwiegen uns an. Ich bin einfach gegangen. Ich wusste auch, dass er mir nicht folgen würde. Ich wollte ihm nicht so und nicht dort von meinen Gedanken erzählen und wollte nicht so und dort nach seinen fragen. Jetzt sitze ich zu Hause. Es ist alles okay, er weiß, dass ich zu Hause bin und gleich noch anrufe, das habe ich ihm geschrieben. Wahrscheinlich kommt er dann noch vorbei. Vielleicht verschieben wir das Gespräch auf morgen. Aber passieren wird es. Und danach machen wir weiter, weil wir das immer so machen und das auch wollen.
Viele Frauen haben nicht das Glück, einen so tollen Partner an ihrer Seite zu haben. Viele Frauen würden mit so einem Mann nie an einen Schwangerschaftsabbruch denken. Ich tat es und auch wenn's weh tut, ist das meine Entscheidung gewesen und ich stehe hinter ihr, denn für mich war es richtig. Ich werde wohl noch oft daran denken, es wird schwer sein, meine Nichte in den Armen zu halten und nicht daran zu denken. Das heißt aber nicht, dass ich es bereue. Ich bin auch nicht wütend, auch nicht auf mich, ich habe mir schon verziehen, dass ich schwanger geworden bin und dann abgetrieben habe. Keine Ahnung, wie lange die Trauer bleibt. Ich werde mit ihr umgehen. Ich kenne die Folgen, wenn man sie ignoriert, deswegen muss ich das. Aber das kann ich auch. Und ich werde mir erlauben, trotzdem und mit dem glücklich zu sein und mich auf die Zukunft zu freuen, auch darauf, irgendwann so weit zu sein, ein Kind zu wollen und dann auch Mutter zu werden.

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