Abtreibung - Schwangerschaftsabbruch: Für das Recht auf einen freien Entscheid

Schwangerschaftsabbrüche 2003:

Schweiz mit niedrigster Abtreibungsrate in Europa

Nach Vorliegen der Angaben aus allen Kantonen kann die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche in der Schweiz für das Jahr 2003, das erste volle Jahr seit Inkrafttreten der Fristenregelung, mit 10'500 beziffert werden. Die Zahl ist gegenüber den Vorjahren nicht angestiegen, eher darf eine leichte Abnahme vermutet werden. Die Schweiz ist heute das Land mit der niedrigsten Abortrate in Europa. Über 40 Prozent der Abbrüche werden mit der medikamentösen Methode (Mifegyne/RU 486) durchgeführt.

2003 wurden in der Schweiz insgesamt 10'500 Schwangerschaftsabbrüche registriert. In den Jahren 1993 bis 2001 schwankte die geschätzte Zahl zwischen 11'900 und 12'700. Ohne Zweifel lässt sich daraus schliessen, dass weder die Inkraftsetzung der Fristenregelung am 1. Oktober 2002 (strafloser Schwangerschaftsabbruch in den ersten 12 Wochen), noch die Zulassung der Abtreibungspille (Mifegyne, RU 486) Ende 1999 eine Zunahme bewirkt haben. Die anders lautenden Prophezeiungen konservativer Kreise haben sich nicht erfüllt. Andrerseits kann aus den Zahlen nicht mit Sicherheit eine Abnahme abgeleitet werden, denn sie sind nicht eins zu eins vergleichbar. Heute registrieren alle Kantone die effektiv durchgeführten Eingriffe, während einige früher die Zahl der Gesuche erfassten. Diese lag naturgemäss höher, weil einige Gesuche abgelehnt wurden, in andern Fällen verzichtete die Frau von sich aus auf den Eingriff oder es kam zu einem Spontanabort. Für die Kantone Zürich und Solothurn basierten die Zahlen vor 2003 zudem auf Schätzungen.

Im internationalen Vergleich

Auf je 100 Geburten kamen im Jahr 2003 14,6 Schwangerschaftsabbrüche. Anders ausgedrückt: Etwa jede siebente bis achte Schwangerschaft wurde abgebrochen.

Mit 6,8 Schwangerschaftsabbrüchen auf 1'000 Frauen im Alter zwischen 15 und 44 Jahren weist die Schweiz die niedrigste Abortrate in Europa aus.

Legale Schwangerschaftsabbrüche
auf 1000 Frauen (15 - 44 jährig)
Schweiz (2003) 6.8
Belgien (2001) 7.6
Deutschland (2003) 7.6
Holland (2003) 8.5
Italien (2002) 10.7
Norwegen (2003) 15.0
Frankreich (2001) 16.1
Schweden (2003) 20.1
Ungarn (2002) 26.8
Rumänien (2002) 51.6
Quellen:
Evolution démographique récente
en Europe 2003 (Europarat)
Nationale Statistiken

Auch die Abortrate der Jugendlichen von 15 bis 19 Jahren (berechnet auf der Basis der in 11 Kantonen verfügbaren Zahlen) ist vergleichsweise sehr niedrig.

Schwangerschaftsabbrüche auf 1000 Frauen 15 bis 19-jährig
BE BL BS NE SO TI VD ZH CH1 D GB S DK NL F I N
2003 2003 2002 2003 2002 2003 2001 2001 2003
4,4 5,1 7,8 5,2 3,8 7,9 6,7 7,7 6 7 21,7 24,4 13,8 10,9 14,2 6,9 16,3
1 Durchschnitt aus den Kantonen BE, BL, BS, NE, OW, SO, SZ, TI, UR, VD, ZH

Ausländerinnen übervertreten

Im Durchschnitt lässt in der Schweiz etwa jede fünfte Frau in ihrem Leben einmal eine Schwangerschaft abbrechen. Allerdings gibt es grosse Unterschiede je nach Bevölkerungsgruppe. Aufgrund der Zahlen aus 16 Kantonen kann der Anteil der Frauen ausländischer Nationalität an der Gesamtzahl der Schwangerschaftsabbrüche auf nahezu 50 Prozent geschätzt werden, bei einem Anteil an der Gesamtzahl der Frauen dieses Alters von knapp 25 Prozent. Im Kanton Neuenburg stammten sie aus 34 Ländern. Besonders stark vertreten sind Migrantinnen aus dem Balkan und Osteuropa, aus Afrika, Südamerika und Portugal.

Die Abortrate der Ausländerinnen beträgt ca. 12,5 auf 1’000 Frauen von 15 bis 44 Jahren, gegenüber 4 auf 1’000 bei Frauen schweizerischer Nationalität.

Diese Fakten weisen auf eine wesentlich weniger wirksame Schwangerschaftsverhütungspraxis in dieser Bevölkerungsgruppe hin. Dieselbe Erfahrung machen übrigens viele andere europäische Länder. Gezielte Bemühungen um eine bessere Prävention drängen sich demnach vor allem bei den Migrantinnen auf.

Abtreibungstourismus am Verschwinden

Die Fristenregelung hat sich fast in der ganzen Schweiz relativ gut eingespielt. Sogar in den Kantonen Appenzell i.Rh. und Nidwalden ist es möglich geworden, eine Schwangerschaft abzubrechen – vor der Fristenregelung ein Ding der Unmöglichkeit. Die kantonalen Unterschiede und der damit zusammenhängende "Abtreibungstourismus" sind am verschwinden: Wurden zum Beispiel im Kanton Genf 1980 noch 52 Prozent aller Schwangerschaftsabbrüche an Frauen aus andern Kantonen durchgeführt, so waren es im Jahr 2002 nur noch 8 Prozent. Im Kanton Waadt nahm dieser Prozentsatz von 27 (1977) auf 3,8 (2003) ab.

Allerdings müssen auch heute noch einzelne Frauen aus der Schweiz im Ausland Hilfe suchen (England, Holland oder Spanien), wenn es um einen Schwangerschaftsabbruch nach der 12. Woche geht, weil viele Spitäler sich weigern, solche Eingriffe vorzunehmen, ausser bei schwerster Missbildung des Fötus. Es kommt aber immer wieder vor, dass Frauen eine ungewollte Schwangerschaft erst relativ spät bemerken – zum Beispiel, weil sie trotz einer sicheren Verhütungsmethode schwanger wurden – und unter keinen Umständen austragen wollen, weil sie sich in einer schwierigen Lebenssituation befinden.

Auf der andern Seite kommen heute nur mehr wenige Frauen aus dem Ausland für einen Schwangerschaftsabbruch in die Schweiz, schätzungsweise zwischen 350 und 400. Allerdings zeichnet sich ein neuer Trend ab, indem Italienerinnen in der Schweiz um einen medikamentösen Abbruch nachsuchen, weil diese Methode in Italien immer noch nicht zugelassen ist.

Über 40 Prozent mit der Abtreibungspille

Gegen 96 Prozent aller Schwangerschaftsabbrüche in der Schweiz wurden im Jahr 2003 in den ersten 12 Wochen vorgenommen. Generell werden die Eingriffe immer frühzeitiger durchgeführt, teils dank der seit November 1999 zugelassenen medikamentösen Methode. Erstaunlich schnell hat sich Mifegyne (RU 486) in diesen vier Jahren als alternative Methode für den Schwangerschaftsabbruch durchgesetzt. Der grosse Vorteil dabei ist, dass der Abbruch sehr früh erfolgen kann und sich ein operativer Eingriff (oft unter Vollnarkose) in ca. 95 Prozent der Fälle erübrigt.

Aufgrund der Angaben aus 16 Kantonen kann der Anteil der Mifegyne-Abbrüche am Total des Jahres 2003 auf 41 Prozent geschätzt werden. Damit hat die Schweiz andere Länder, auch solche, wo Mifegyne bereits wesentlich länger zugelassen ist, weit überflügelt: In Frankreich wurden 30 Prozent der Abbrüche mit dieser Methode durchgeführt, in England 14 Prozent. In Norwegen waren es zum Beispiel 32 und in Deutschland bloss 6 Prozent.

August 2004

nach oben

Aktuell